Monday, December 18, 2006

Erstes Fazit nach dem Rückflug

Das war es, das war meine Pilgerreise! Über 70 Tage habe ich zu Fuss eine Strecke von etwa 2500 km gewandert, deren Rückreise gerade mal einige Stunden dauert! Auf dieser Rückfahrt muss ich definitiv Abschied nehmen vom Pilgerleben und mich wieder anpassen an das schnelle Zeitempfinden der Gegenwart. Während ich zurückfahre erinnere ich mich an Erlebnisse, Orte, Höhepunkte und Herausforderungen meiner Pilgerreise, so quasi im Rückwärtsgang und Schnelldurchlauf erlebe ich alles noch einmal und staune, was der Mensch imstande ist, zurückzulegen! Während meiner Pilgerreise ist die Zeit nebensächlich geworden, die Welt um mich herum stehen geblieben, es war fast, als ob ich in einer andern Zeit gelebt hätte.

Inneren Frieden, das wollen wir alle. Meine ganz persönliche Standortbestimmung zu machen, dies war mit ein Grund für mich um nach Santiago zu laufen. Und ich wage nach diesen über 2 Monaten Wanderung zu sagen, dass es eine ganz wichtige Voraussetzung braucht, um in diesem Punkt Erfolg zu haben: Du musst bereit sein, dich ganz intensiv mit dir auseinanderzusetzen. Weil der Jakobsweg vorwiegend nach Westen führt, sah ich meinen Schatten jeden Morgen vor mir, musste immer hinter diesem hergehen. Dieser Schatten veranlasste mich bildlich, über mein bisheriges Leben nachzudenken: Über Fehler, die ich einmal gemacht habe und über Schwächen, die ich bisher einfach mittrug. Irgendwo Mitte Frankreich war ich so weit, dass ich mich mit meiner Vergangenheit versöhnt hatte und fortan den Blick und die Gedanken in die Zukunft richten konnte. Zu diesem Zeitpunkt war der Weg längst ein Teil von mir und ich ein Teil des Weges geworden, den ich Tag für Tag wieder neu unter meinen Füssen spürte. Distanzen spielten auf einmal keine Rolle mehr, allein die intensive Auseinandersetzung mit der Natur und mit mir war wichtig. Das tägliche Gehen beglückte mich und ein Gefühl von Freiheit durchströmte mich jeden Tag. Auf dem Pilgerweg allein zu wandern macht frei von Zwängen und Verpflichtungen, die bisher mein Leben regelten. Die Nähe zur Natur trug bei mir zu einem grossen Wohlbefinden bei und mir wurde deutlich, wie viel sie in meinem Leben bedeutet.

Im Vorfeld des Jakobsweges hatte ich mich mit der mentalen Dimension des Weges beschäftigt und hatte irgendwo zu hören bekommen, dass man die drei Stationen des alchimistischen Grundgedankens durchlaufen wird, wenn man sich auch darauf einlässt. Diese lauten sinngemäss: Sterben – neu ordnen – Wiedergeburt. Sterben habe ich so interpretiert, dass ich nochmals intensiv über meine Vergangenheit nachgedacht habe und all das, was mich belastet oder wo ich bisher nicht verzeihen konnte, weggeworfen habe. Symbolisch kann man sich dies vorstellen, dass man die Belastungen in einen Stein packt und diesen dann an einem der vielen Wegkreuze deponiert. Das was nun im Innern übrig bleibt gilt es neu zu ordnen und zusammenzufügen um nachher als neuer Mensch den neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Sich zu hinterfragen und von eingespielten Lebensmustern Abstand zu nehmen, das wird ein Prozess werden, der bei mir den eigentlichen Jakobsweg überdauern wird.

Thursday, December 14, 2006

Versoehnung in der Kathedrale



Nach den 3 Tagen in der landschaftlichen Einsamkeit auf dem Weg nach Finisterre war mir klar geworden, dass ich mit einem negativen Gefuehl heimkehren muesste, wenn ich mein Problem "Kathedrale von Santiago" nicht nochmals angehe.

So zog es mich sofort nach der Rueckkehr mit dem Bus nach Santiago magisch zur Kathedrale. Im Vorfeld kaufte ich 2 grosse Kerzen, weil ich nicht mit 2 Euro elektrische Kerzen fuer 10 Minuten beleuchten kann! Dann besuchte ich puenktlich um 12.00 Uhr die Pilgermesse. Und obwohl ich kein religioeser Mensch bin, regte sich in meinem Innern etwas, als die Pilger in der Predigt erwaehnt wurden. Ich verstand laengst nicht alles, aber immer wieder peregrino und san juan und sonstige Begriffe die im Zusammenhang mit dem camino stehen. Gie gesangliche Unterstuetzung durch eine bezaubernde Frauenstimme und das Mitwirken von Besuchern an der Messe verstoemten etwas sehr Menschliches. Und als dann als Hoehepunkt der 54 kg schwere butafumeiro (Weihrauchkessel) durch das Querschiff geschwungen wurde, stand die Kirchenwelt fuer mich schon fast wieder gerade.

Ich wartete, bis sich die Kirche nach der Pilgermesse etwas entleerte und lief dann mit meinen beiden Kerzen zu einer Seitenkapelle, wo ich diese auch physisch anzuenden konnte (wahrscheinlich verbotenerweise ?). Damit vwerliess ich als erstes die Kirche und kehrte 3 Stunden spaeter nochmals zurueck, um in einer stillen Ecke meinen Weg nochmals nachzuvollziehen. Zu meiner Freude brannten meine Kerzen immer noch und ich werte dies als Zeichen dafuer, dass diese Handlung auch etwas Bestand haben wird.

Mit diesen Erlebnissen kann ich nun morgen Santiago mit echt guten Gefuehlen verlassen und mich auf die Heimreise begeben.

Waehrend dieser taegigen Heimreise moechte ich versuchen, ein erstes persoenliches Fazit fuer mich aus dieser Reise zu ziehen.

...nach Finisterre...


Mein eigentliches Pilgerziel, das Grab des Apostels Jakobus in Santiago habe ich zwar erreicht, aber ich brauchte nach dem "Jahrmarkt in der Kathedrale" am Sonntag nochmals diese 3 Tage um ueber die anfaengliche Enttaeuschung hinwegzufinden.

Zuerst habe ich mich mit dem Wetter in Spanien wieder versoehnt, denn ich durfte diese 3 Tage bei herrlichstem Wetter begehen! Dies tat mir richtig gut, nach all den Niederschlaegen in den letzten Wochen. Dann habe ich etwas gelernt: Unterschaetze niemals eine Tagesetappe! Ich dachte fuer mich, das kostet mich kaum noch eine grosse Anstrengung, nach 2400 km bis Santiago auch noch diese knapp 100 km zu begehen. Aber ich musste mich nach dem ersten Tag mental nochmals neu einstellen, denn der erste Tag war nicht koerperlich, aber im Kopf ein richtiger Kampf! Und so erging es nicht nur mir, sondern fast allen Pilgern, welche ihre Reise bis Finisterre fortsetzten!


Ich traf am ersten Tag auf Walter Frey, dessen Namen ich praktisch ab dem ersten Tag "verfolgte". Er startete einen kanppen Monat vor mir in Zuerich und hinterliess in den Pilgerbuechern immer seine Eintraege. Und mit jedem gefundenen Eintrag rueckte ich ihm zeitlich etwas naeher, bis wir uns auf dem Weg nach Finisterre dann trafen und den Rest des Weges gemeinsam absolvierten. Nach so vielen Wochen Jakobsweg ergaben sich wahnsinnig interessante, ja fast philosophische Gespraeche ueber die gemachten Erfahrungen, welche unsere Wege so quasi abrundeten.

Finisterre selbst ist ein schmucker Ort, insbesondere das gleichnamige Kap, welches 140 m hoch aus dem Meer ragt. Dort oben schlossen wir unseren Weg physisch ab: Weiter kann man nicht mehr marschieren, weil es nur noch das unendlich scheinende Meer gibt. Dort ist es auch Brauch, sich von den verschlissenen Pilgerutensilien zu trennen. So zuendete Walter mit dem letzten Abendrot seine maltraetierten Wanderschuhe dort oben an.

Mental werde ich meinen Weg nach der Rueckfahrt in Santiago abschliessen. Ich muss nochmals in die Kathedrale, um die enttaeuschenden Bilder bei meiner Ankunft in positive Erinnerungen umzuwandeln!

Monday, December 11, 2006

Geschafft!!!!



Gestern nun also mein grosser Tag: Einmarsch in Santiago. Dabei verspuerte ich eigentlich gar keine grossen Gefuehlsausbrueche...

Zur Vorgeschichte: Weil die Nacht in Arzua so extrem kalt war, die albuerge entsprechend auch, weil sie nicht geheizt war, standen alle Pilger bereits um etwa 06.00 Uhr auf. Ich packte so schnell wie moeglich meine Siebensachen und machte mich im Dunkeln auf den Weg. Ich musste bald einsehen, dass dies bei Nebel und auf Waldwegen ein Ding der Unmoeglichkeit ist, bei allen Abzweigungen den richtigen Weg zu treffen. Also steuerte ich die Nationalstrasse an, um auf dieser gen Westen zu marschieren. Bei Tagesanbruch um etwa 08.30 Uhr hatte ich bereits 15 km zurueckgelegt und ich entschloss mich daher, gleich nach Santiago durchzuwandern, zumal dies dann einer Tagesleistung von 42 km entspricht (ein Marathon als Abschluss). Ansonsten haette ich bereits am fruehen Nachmittag mein Pensum erfuellt und bei 15 Grad Raumtemperatur die Zeit abzusitzen bis zum Zubettgehen ist reichlich ungemuetlich. So verpasse ich zwar die Pilgermesse um 12.00 Uhr, habe aber so den wegen meinem Durchfall eingebuessten Tag wieder aufgeholt und kann so noch weiter bis ans Meer laufen.

So erreichte ich um 15.00 Uhr den Monte do Gozo, den Berg der Freude. Der Name leitet sich vom Gluecksgefuehl ab, den die Pilger haben, wenn sie zum erstenmal das anvisierte Ziel Santiago erblicken koennen. Von hier noch eine Stunde durch nuechterne Vorstadtstrassen und ich stehe vor der Kathedrale von Santiago, ohne Zweifel ein Meisterwerk der Kirchenbaukunst. Enttaeuschend fuer mich, dass kein einziger anderer Pilger zu sehen ist, nur Hunderte von Touristen in Halb- und Stoeckelschuhen. Ich fuehlte mich eher an einem Jahrmarkt, denn am Ziel einer Pilgerreise. Den Pilgerbrauch, am Ende der Reise die Haende an die Saeule zu Fuessen des Apostels Jakobus zu legen und mit dem Kopf die darunter liegende Statue des Baumeisters Mateo zu beruehren, mochte ich unter all den Touristen schon gar nicht mehr ausfuehren. Fuer die Kirchenbesichtigung werde ich mir den naechsten Donnerstag nach der Rueckkehr von Finisterre reservieren, wo ich dann hoffentlich ohne die touristische Sonntags-Hektik geniessen kann.

Das Holen der Pilgerurkunde war dann eine absolut nuechterne Sache. Grossraumbuero mit Schalter zum Anstehen. Niemand fragte danach, wie es mir gegangen ist. Lediglich so unnuetze Daten wie Alter, Nationalitaet oder Pilgerpassnummer interessierten! Aber diese Pilgerurkunde ermoeglichte mir dann den naechsten Schritt.

Im besten Hotel der Stadt, im Hostal de los Reyes Católicos, nahm ich das Nachtessen ein. Dieses jetzige Paradorhotel war einst ein Pilgerhospital und hat die uralte Pilgertradition jeweils an 10 Pilger gegen Vorweisen der Pilgerurkunde gratis ein Morgen-, Mittag- und Abendessen zu verteilen, bis ins heutige Zeitalter beibehalten.

Anschliessend besuchte ich den Abendgottesdienst in der Kathedrale, welcher nicht anders ablief als alle andern Gottesdienste auch.

Die Stadt und die verpasste Pilgermesse werde ich nach meiner Rueckkehr aus Finisterre am Donnerstag besichtigen, bevor ich dann am Freitag via London zurueckfliegen werde.

Nun bin ich froh, dass ich nochmals 3 Tage und 100 km Zeit habe, um bis Finisterre alle meine Eindruecke etwas zu ordnen und entsprechend einzugliedern. Hasta luego!

...kurz vor Weihnachten...

Dieser Titel ist natuerlich nicht nur terminlich, sondern im uebertragenen Sinne zu verstehen. Mit dem Eintritt nach La Coruña habe ich die letzte Gebietsgrenze ueberschritten und habe mir mein grosses Geschenk, in Santiago anzukommen, bald erreicht.

Auch in dieser letzten Provinz konnte ich einiges an Entdeckungen und Eigentuemlichen mitnehmen:

Gestern durchwanderte ich ein Dorf namens Portomarin. Dies ist eigentlich nichtssagend, aber die Geschichte von Portomarin ist sehr interessant. In Portomarin gibt es genau ein Gebaeude, das aelter als 40 Jahre ist, naemlich die romanische Wehrkirche. Alle anderen Haeuser sind ganz neu. Dies ruehrt daher, dass das alte Dorf POrtomarin beim Bau eines Staudammes voellig ueberflutet wurde und einige Kilometer entfernt in sicherer Hoehenlage ein neues Dorf entstand. Lediglich die alte Kirche wurde Stein fuer Stein abgetragen und am neuen Ort wieder aufgebaut.

Ebenfalls auffallend sind die Kilometersteine am Rande des Jakobsweges. Alle 500 m gibt ein Stein die noch verbleibende Distanz bis Santiago an. Da habe ich erstmals richtig erkannt, wie schnell ich jeweils 500 m zuruecklege!

Kleine Gesamtkunstwerke sind die Friedhoefe in Galicien. Fast jedes GRab ist ein Kleinkunstwerk aus Granit, ueber und ueber mit Kreuzen garniert. Ich habe mir sagen lassen, dass Kreuze hier nicht nur ein rein religioeses Symbol darstellen, sondern auch der Abwehr des Boesen dienen. Und in Galicien ist der Geisterglaube noch immer ein Bestandteil des Lebens.

Und als letztes fielen mir laengliche, auf stelzen gebaute Gebaeude auf, deren Waende immer wieder durchbrochen sind. Ich konnte mir vorerst keinen Reim darauf machen und verband diese mit irgendeinem religioesen Brauch. In Tat und Wahrheit handelt es sich um (nicht mehr gebrauchte) Maisspeicher, welche in die Hoehe gebaut wurden, damit die Maeuse keinen Zugriff haben. Die Waende wurden zum Austrocknen der Kolben unterbrochen. Man nennt diese hórreos.

Friday, December 08, 2006

Unwetter in Nordspanien

Weil in jedem Restaurant, in jeder Bar immer mindestens ein Fernseher läuft, bekomme ich oftmals so nebenbei noch Nachrichten oder Aktuelles mit.

Was wir vorgestern und gestern im Fernsehen sahen, haben wir eigentlich tagtäglich erlebt. Ich bin nun fast einen Monat in Spanien unterwegs und hatte genau 3 Tage ohne dauernden Regen oder Sturmwinde! Gestern und vorgestern gab es aber noch einen drauf!

In der Zwischenzeit mag der Boden das viele Wasser gar nicht mehr schlucken und die Wege sind mindestens voller Pfützen, teilweise auf der ganzen Wegbreite, ganz zu schweigen von den angrenzenden Wiesen. Wir machen bereits Wettbewerbe, wer es jeden Morgen wie lange schafft, trockenen Fusses zu laufen und wer am Abend am wenigsten schmutzig ist! Dabei bin ich immer der grosse Verlierer, weil mein rechter Schuh irgendwo Wasser reinlässt und ich meistens nach etwa 5 km bereits nasse Füsse habe. Neue Schuhe zu kaufen ist hier gar nicht so einfach. Es fehlen die grossen Städte und ich sage mir: Lieber nasse Füsse in alten Schuhen als Blasen an den Füssen in neuen Schuhen. Abgesehen davon, dass auch neue kaum dicht halten würden! Den absoluten Hammer erlebten wir gestern kurz vor unserem Etappenziel in Ferreiros: Da verlief der Weg etwa 1 km lang in knietiefem Wasser, ohne irgendwelche Chance dem Wasser auszuweichen! Da war ich dann der Lachende, weil ich sowieso schon Wasser gefüllte Schuhe hatte, lief ich einfach durch das knietiefe Wasser, währenddem die Weggefährten mit allen möglichen und unmögliche Versuchen probierten, diesem Schicksal zu entgehen. Spätestens aber nach 20 m war der Kampf auch für sie verloren!

P. S. Dies mag im Sommer noch lustig sein. Wir haben aber zur Zeit Temperaturen um den Nullpunkt, kalte Winde und Wassertemperaturen um die 10 Grad.

In Galizien

Galicien ist die letzte Provinz, die ich durchwandern werde. Hier liegt auch Santiago de Compostella.

In O Cebreiro habe ich zugleich die letzte Provinzgrenze überschritten und galicischen Boden betreten. Galicien ist in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Weil es sehr oft regnet, herrscht hier die Farbe Grün vor und der Boden bietet beste Voraussetzungen für intensive Landwirtschaft. Zu meiner Verwunderung bin ich hier schon an vielen Eukalyptuswäldern vorbeigelaufen, was zwar ungewöhnlich aussieht, aber ein ökologischer Bloedsinn ist. Diese fremden Bäume vertragen sich nämlich nicht mit der einheimischen Flora und Fauna!

Galicien besitzt auch einige jahrtausende alte Traditionen. Hier wird zum Beispiel eine eigene Sprache gesprochen, welche dem Portugiesischen ähnlicher ist als dem Spanischen. In vorrömischer Zeit siedelten hier Kelten, was sich heute in teils keltisch tönenden Ortsnamen widerspiegelt. Zudem wird hier ebenfalls der Dudelsack gespielt, welcher gaita genannt wird.

Dann wird hier der Queimada getrunken. Für mich die Zeremonie viel interessanter als der Geschmack. Dabei wird der galicische Trester orujo in einer grossen Schale verbrannt und Zucker zum Schmelzen gebracht, welcher dann hinuntertropft. Damit wurden im Mittelalter Hexen und böse Geister ausgetrieben, welche im reinigenden Feuer verbrannten.

Meine grösste Leistung

(geschrieben 6. 12. 2006)

Der Titel bezieht sich weder auf einer besonders anstrengende, noch auf eine besonders lange Etappe.

Ich habe gemerkt, dass es für mich absolut problemlos ist, jeden Tag 40 oder mehr Kilometer zu laufen, wenn die äusseren Umstände in Ordnung sind. Weil ich an diesem Tage mit widrigsten Umständen zu kämpfen hatte, bin ich besonders stolz, die anvisierte Tagesleistung erreicht zu haben.

Es begann mit meinem Gesundheitszustand. Gestern hatte ich wegen Durchfall nichts ausser 2 Bananen und 4 Gläser Schwarztee zu mir genommen. Heute morgen fühlte ich mich nicht wesentlich besser. Ich machte den ganzen Tag meine Bananenkur weiter und verzehrte nochmals 6 Bananen und trank so oft es ging Tee. So fühlte ich mich beim Laufen ziemlich kraftlos und kam viel langsamer als normal, aber stetig voran. Etwa ab 10.00 Uhr begann es zu regnen, so dass ich den Rest des Tages mit dem Poncho zurücklegen musste. Dazu kam, dass ich heute aus dem Talkessel des Bierzo austreten wollte und bis auf 1300 m Höhe hochzusteigen hatte. Ab etwa 800 m die böse Ueberraschung: der Regen ging über in Schneeregen und kurze Zeit später in Schnee. Die Wege wurden vom Wasser längst als Flussbett missbraucht. Die letzten 3 Stunden des Tages lief ich mit 2 cm Schneewasser in den Schuhen und kam erst im Dunkeln bei Minustemperaturen in O Cereiro an.

Dank und trotz diesen widrigen Voraussetzungen war ich besonders stolz, diese Etappe gemeister zu haben!

Monday, December 04, 2006

Im Bierzo

Heute durchwanderte ich den Talkessel des Bierzo. Hier gibts vor allem eine grosse Stadt, Ponteferrada. Alles andere sind eigentlich wie Vororte von Ponteferrada: Strassendorfer aufgereiht wie an einer Perlenkette.

Dies ist eigentlich genau der Typ Stadt, der mir ueberhaupt nicht gefaellt, kilometerlanges Laufen durch Vororte, welche absolut gesichtslos sind. So gesehen war die heutige Etappe eigentlich nur eine Ueberbrueckungsetappe, mit 2 Ausnahmen.

In Ponteferrada gibt es eine riesige Befestigungsanlage des Templerordens. Dieser kam mit dem aktuellen Buch "Da Vinci Code" wieder in die Schlagzeilen. Der Orden wurde 1118 von Kreuzrittern in Jerusalem gegruendet. Innerhalb weniger Jahre kontrollierten sie das Transport- und das Finanzwesen der christlichen Welt. Zu ihrer Hauptaufgabe zaehlte der Schutz der heiligen Staetten und der Pilgerwege. So verwalteten sie beispielsweise das Geld von wohlhabenden Pilgern und waren somit die Volaeufer der Bankinstitute. Dise wirtschaftliche Macht war aber dem Koenig von Frankreich Philipp IV. ein Dorn im Auge. Auf sein Bestreben hin verbot der damalige Papst Klemens V. den Orden. Zum Verhaengnis wurde diesem, dass sie geheimnisvolle Rituale praktizierten und somit konnte ihnen Satanskult und Hexerei vorgeworfen werden.

Die zweite lustige Station ist mein Uebernachtungsort Villafranca del Bierzo. Hier steht naemlich eine sogenannte Ablasskirche. Hier wurden also allen Pilgern, welche wegen Krankheit oder Verletzung nicht mehr weitermarschieren konnten, alle ihre Suenden vergeben.

Ganz so schlimm ist es bei mir nicht, aber ich habe genau jetzt Durchfall aufgelesen und kam nur noch mit grosser Anstrengung am heutigen Ort an. Ich hoffe, meine Bananenkur hilft mir weiter.

Ueber den hoechsten Punkt

Nach Astorga wechselt die Landschaft schlagartig. Ich wanderte heute zuerst 20 km durch die huegelige Landschaft Margateria. Welch ein Genuss, wieder einmal in einer intakten Landschaft zu wandern, im Vergleich zum tagelangen Wandern auf Pisten neben Autobahnen und Nationalstrassen. Die Vegetation ist karg und der Boden mehr steinig als fruchtbar, so dass hier keine intensive Landwirtschaft betrieben werden kann. Die Menschen haben fast alle einen nordafrikanischen Touch in ihrem Aussehen. Einzigartig sind auch die Kirchen mit ihren durchbrochenen Tuermen. Bis Rabanal steigt der Weg sachte, danach etwas steiler. Auf etwa 1300 m Hoehe wanderte ich in die Wolken und es begann auch zu regnen. Dies aenderte sich bis zum Schluss meiner Tagesetappe nicht mehr.

Dann endlich der grosse Moment: Ich erreiche mit 1504 m den hoechsten Punkt des Jakobsweges und hier befindet sich auch einer der charakteristischsten Punkte des gesamten Jakobsweges. Ueber einem gewaltigen Steinhaufen erhebt sich ein 5 Meter hoher Eichenstamm, der an seiner Spitze das Eisenkreuz (=cruz ferro) traegt. Jeder Pilger fuegt einen Stein hinzu und traegt damit zu einer tausendjaehrigen Pilgertradition bei. Auch ich deponiere meinen Stein, verbunden mit einem speziellen Wunsch.

Anschliessend irre ich auf der Hochebene etwa 6 km im Nebel umher. Ich kann mich wegen des Nebels ueberhaupt nirgends orientieren und kann nur hoffen, dass die Jakobsweg-Wegweiser alle korrekt aufgestellt sind und ich keinen verpasse. Zudem beginnt es noch extrem zu winden, aber das gehoert wohl in diesem Gebirge dazu...

Anschliessend geht es steil abwaerts in die Landschaft des Bierzo. Diese kann man sich vorstellen wie einen riesigen Krater mit etwa 50 km Durchmesser, welcher rundherum von Gebirgen umgeben ist. Im Westen die Montes de Leon, die ich heute ueberquert habe, im Osten dann die Felsbarriere von Galizien, welche ich uebermorgen ueberqueren werde.

Auch heute gab es wieder eine lange Etappe. Ich erreichte mein Ziel in Molinaseca erst nach dem Eindunkeln und nach fast 50 km.

Saturday, December 02, 2006

50 km-Etappe

Heute morgen wurde ich bereits um 06.45 Uhr geweckt und um 07.30 Uhr in den Regen hinausgeschickt. Wenigstens kannte ich den Weg einigermassen, nachdem ich gestern Leon ausgiebig besichtigt hatte. Trotzdem war es in der Dunkelheit und bei Regen nicht einfach, keine Abzweigung zu verpassen...Aber etwa um 08.30 Uhr wurde es hell und um etwa 10.00 Uhr hoerte es auch mit dem Regen auf. Weil die Strecke mehrheitlich flach und fast immer neben der Nationalstrasse verlief, kam ich heute zuegig vorwaerts. Als ich um etwa 13.00 Uhr beriets mein urspruengliches Tagesziel erreichte und dort alles geschlossen war, entschied ich mich, gleich weiterzulaufen. Dieser Entscheid war gleichbedeutuend mit 19 km mehr marschieren. So lief ich also heute praktisch ohne Unterbruch bis um 17.00 Uhr durch und erreichte dann die schoene Stadt Astorga. Dort besichtigte ich das Wer von Gaudi , sowie die Renaissancekirche, bevor ich in der Albuergue eincheckte.

Nach 50 km mrschieren freute ich mich unheimlich auf das Abendessen, weil ich mich den ganzen Tag nur mit Schokolade und Trockenfruechten verpflegte. Dies umsomehr, als ich in der Herberge Ernst, einen `pensionierten Schweizer traf, mit dem ich das Nachtessen gemeinsam einnahm.

Nun steht noch der hoechste Punkt in Spanien bevor, den ich je nach Witterung entweder morgen oder uebermorgen passieren werde.

Friday, December 01, 2006

Leon

Die letzte Gross-Stadt vor Santiago hat ihren Namen weder vom Begriff Koenig noch von einem Loewen. Sie verdankt ihre Entstehung einer Legion von Roemern, die sich hier einrichteten. Einige Reste der roemischen Stadtmauern sind auch heute noch zu sehen.

Leon verdankt seine Entwicklung vor allem einem "touristischen Schachzug". Als naemlich das Grab von Santiago im 9. Jahrhundert entdeckt wurde, foerderten die leonischen Koenuge die Pilgerschaft und verschafften sich so eine Vormachtstellung. Dies war zugleich auch die Bluetezeit von Leon. Mit der Verschmelzung mit Kastilien und dem nachlassenden Interesse des Pilgerns verlor dann Leon immer mehr an Bedeutung zugunsten von Burgos. Dies ist auch heute noch so, und so ist es nicht verwunderlich, dass ich auf meinem Weg nach Leon sehr viele gesprayte Parolen vorfand, die eine Verselbstaendigung von Leon fordern.

Wenn man Leon hoert, so erscheint sicherlich sofort das Bild der Kathedrale. Da sind sich alle Fachleute einig, Leon besitzt die einzige Kathedrale Spaniens, die nach dem Vorbild der franzoesischen Gotik erbaut wurde. Eindruecklich ist nebst der Fassade, die gleich auf 2 Seiten Dreifachportale besitzt, sicher die riesige Anzahl von Fenstern. Diese lassen viel Licht ins Innere und erhoehen damit die Wirkung des Altars und des Chors.

Daneben gibt es in Leon die reste des Palastes der Koenige zu besichtigen. Diese haben der Uebernamen "Sixtinische Kapelle der Romanik", weil sie eines der noch wenigen Bauwerke sind, welche einen Innenraum mit original bemalter Decke haben. Welch ein Unterschied zur Gotik, vor allem im figuerlichen Zeichnen war das Niveau noch nicht so hoch. Tiere erkennt amn kaum, Proportionen von Menschen sind voellig falsch wiedergegeben. Die Besichtigung kann man nur mit einer spanischen Fuehrung durchfuehren, aber sie lohnt sich. Zuerst wird peinlichst geanu beobachtet, dass diese bemalten Decken nicht fotografiert werden, dann darf man in einen Kreuzgang, bevor mit einem riesigen Schluessel der Aufgang zur Bibliothek geoeffnet wurde. Hier stehen jene Bibeln, Choraele und vor allem "menschengrosse Gesangsbuecher", welche in der Kirche als Vorlage dienten. Zuduterletzt dann nochmals einSchluessel, der die Tuere zur Schatzkammer oeffnet.

Sehr eindruecklich ist die Fassade des ehemaligen Klosters San Marcos, die ueber 100 Meter lang im Renaissancestil mit gerdezu ueppiger Dekoration die Besucher empfaengt. Heute steckt hinter dieser Fassade ein Parador-Hotel.

Ende des 19. Jahrhunderts hat auch Antonio Gaudi seine Spuren in Leon hinterlassen, indem er einen Palast mit 4 vollstaendigen Fassaden, welche je auf eine andere Strasse gerichtet sind, gebaut hat. Jede Ecke hat er mit einem Tuermchen akzentuiert.

Ich habe wieder einmal Quartier in einem Benediktinnerkloster bezogen, wo mir der hospitalero kurz die strngen Sitten erklaerte: Licherloeschen 21.30 Uhr, 06.45 Uhr Tagwache mit Musik, um 07.00 Uhr muessen alle Pilger aus dem Bett sein. Dann gibt es einen gemeinsamen Cafe con leche, bevor wir die Herberge verlassen muessen.