Erstes Fazit nach dem Rückflug
Das war es, das war meine Pilgerreise! Über 70 Tage habe ich zu Fuss eine Strecke von etwa 2500 km gewandert, deren Rückreise gerade mal einige Stunden dauert! Auf dieser Rückfahrt muss ich definitiv Abschied nehmen vom Pilgerleben und mich wieder anpassen an das schnelle Zeitempfinden der Gegenwart. Während ich zurückfahre erinnere ich mich an Erlebnisse, Orte, Höhepunkte und Herausforderungen meiner Pilgerreise, so quasi im Rückwärtsgang und Schnelldurchlauf erlebe ich alles noch einmal und staune, was der Mensch imstande ist, zurückzulegen! Während meiner Pilgerreise ist die Zeit nebensächlich geworden, die Welt um mich herum stehen geblieben, es war fast, als ob ich in einer andern Zeit gelebt hätte.
Inneren Frieden, das wollen wir alle. Meine ganz persönliche Standortbestimmung zu machen, dies war mit ein Grund für mich um nach Santiago zu laufen. Und ich wage nach diesen über 2 Monaten Wanderung zu sagen, dass es eine ganz wichtige Voraussetzung braucht, um in diesem Punkt Erfolg zu haben: Du musst bereit sein, dich ganz intensiv mit dir auseinanderzusetzen. Weil der Jakobsweg vorwiegend nach Westen führt, sah ich meinen Schatten jeden Morgen vor mir, musste immer hinter diesem hergehen. Dieser Schatten veranlasste mich bildlich, über mein bisheriges Leben nachzudenken: Über Fehler, die ich einmal gemacht habe und über Schwächen, die ich bisher einfach mittrug. Irgendwo Mitte Frankreich war ich so weit, dass ich mich mit meiner Vergangenheit versöhnt hatte und fortan den Blick und die Gedanken in die Zukunft richten konnte. Zu diesem Zeitpunkt war der Weg längst ein Teil von mir und ich ein Teil des Weges geworden, den ich Tag für Tag wieder neu unter meinen Füssen spürte. Distanzen spielten auf einmal keine Rolle mehr, allein die intensive Auseinandersetzung mit der Natur und mit mir war wichtig. Das tägliche Gehen beglückte mich und ein Gefühl von Freiheit durchströmte mich jeden Tag. Auf dem Pilgerweg allein zu wandern macht frei von Zwängen und Verpflichtungen, die bisher mein Leben regelten. Die Nähe zur Natur trug bei mir zu einem grossen Wohlbefinden bei und mir wurde deutlich, wie viel sie in meinem Leben bedeutet.
Im Vorfeld des Jakobsweges hatte ich mich mit der mentalen Dimension des Weges beschäftigt und hatte irgendwo zu hören bekommen, dass man die drei Stationen des alchimistischen Grundgedankens durchlaufen wird, wenn man sich auch darauf einlässt. Diese lauten sinngemäss: Sterben – neu ordnen – Wiedergeburt. Sterben habe ich so interpretiert, dass ich nochmals intensiv über meine Vergangenheit nachgedacht habe und all das, was mich belastet oder wo ich bisher nicht verzeihen konnte, weggeworfen habe. Symbolisch kann man sich dies vorstellen, dass man die Belastungen in einen Stein packt und diesen dann an einem der vielen Wegkreuze deponiert. Das was nun im Innern übrig bleibt gilt es neu zu ordnen und zusammenzufügen um nachher als neuer Mensch den neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Sich zu hinterfragen und von eingespielten Lebensmustern Abstand zu nehmen, das wird ein Prozess werden, der bei mir den eigentlichen Jakobsweg überdauern wird.


